Energiewende, Mobilitätswende, Klimatransformation: Warum wir zu langsam sind

Energiewende, Mobilitätswende, Klimatransformation: Speed kills

Weltweit passiert gerade das, was man als die größte Revolution seit der industriellen Revolution bezeichnen muss. Ganze Wirtschaftssysteme stellen sich um: Die Energiewende findet statt, die Mobilitätswende wird greifbar und Kreislaufwirtschaft nimmt Form an. All das, was wir gemeinhin als Klimastransformation bezeichnen, klappt – nur nicht immer hierzulande.

Es geht nicht zu schnell, sondern viel zu langsam

Bei uns in Mitteleuropa, insbesondere in Deutschland und Österreich scheint das noch nicht angekommen zu sein. Große Teile der Wirtschaft und auch der Politik sind noch immer der Meinung, dass zu viel Klimaschutz und zu viel Klimatransformation, die Wirtschaft ausbremst und Wohlstand gefährdet.

Das Team des RestartThinking Instituts war in den letzten Wochen viel unterwegs und wurde öfters mit der Aussage konfrontiert, dass die Veränderung zu schnell sei und wir der Wirtschaft und auch der Gesellschaft mehr Zeit lassen müssten, um die Veränderung umsetzen zu können.

Doch dies ist ein fataler Trugschluss und wird keineswegs der Tatsache gerecht, dass wir seit Jahrzehnten wissen, was zu tun ist. 

Wir wissen es schon lange

Die Geschichte der Klimaforschung und ihre Erkenntnisse sind über 200 Jahre alt.

  • 1824 formulierte der französische Wissenschaftler Joseph Fourier die Basis für die Erklärung des Treibhauseffekts, der für Leben auf der Erde essenziell ist.
  • 1906 stellte der schwedische Wissenschaftler Svante Arrhenius fest, dass der Mensch durch das Verbrennen fossiler Energieträger die CO2-Konzentration in der Atmosphäre erhöht.
  • Erste Warnungen der Veränderung des Klimas formulierte der deutsche Wissenschaftler Hermann Flohn bereits 1941. Er warnte damals schon vor Veränderungen, die man zu dem Zeitpunkt nur erahnen konnte.
  • Mitte der Fünfzigerjahre glaubte die Wissenschaft noch nicht so richtig an die These, dass der Mensch durch Treibhausgasemissionen aus fossilen Energieträgern die Erde erwärmt. Roger Revelle und Hans Suess führten weitere Experimente durch. Und Revell startete im Jahr 1957 die konstante Messung von CO2-Konzentration in der Atmosphäre, die bis heute aktiv ist.
  • 1971 meldete sich die Deutsche physikalische Gesellschaft (DPG) zu Wort und mahnte vor unumkehrbaren Veränderungen für das Ökosystem und unseren Lebensraum. In der gleichen Zeit beauftragen US-amerikanischer Ölkonzerne Forschung zur Klimaveränderung und hielten diese aber unter Verschluss bzw. begannen Desinformation zu streuen.
  • 1979 fand die erste Weltklimakonferenz in Genf statt. Das Thema ist in der Breite der Gesellschaft und in der allgemeinen Berichterstattung angekommen.
  • 1985 warnte die deutsche physikalische Gesellschaft erneut vor unumkehrbar Folgen und fordert ein sofortiges Umdenken und ein deutliches Handeln, um eine Klimakatastrophe, die damals schon als solche bezeichnet wurde, zu verhindern.
  • 1986: Der Begriff Klimakatastrophe erreicht die Medien. Das Magazin Der Spiegel widmet sich dem Thema und auch der bayerische Rundfunk thematisiert die Problematik auf breiter Ebene. Dort warnt auch Klaus Hasselmann, späterer Physik-Nobelpreisträger und Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie über die Klimakatastrophe.
  • Seit dem vierten Sachstandsbericht des IPCC 2007 gilt die Klimakrise als eindeutig und nicht mehr widerlegbar.

 

Am Wissen mangelt es also schon lange nicht mehr und auch Teile der Politik und Teile der Wirtschaft haben das in den Zweitausender Jahren bereits begriffen. Im Jahr 2000 erblickte das deutsche erneuerbare Energiegesetz (EEG) das Licht der Welt und wurde zur Blaupause für weitreichende Transformation weltweit.

Das EEG als weltweites Erfolgsmodell

Für viele ist das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz, kurz EEG, ein Hassobjekt. Es wird – ungerechtfertigterweise – als Ursache für hohe Energiekosten gesehen. Das stimmt so nicht, denn die Vergütung für erneuerbare Energien war nur ein kleiner Teil der oft kritisierten EEG-Umlage. Beispielsweise wurden mit dieser auch energieintensive Unternehmen subventioniert.

Was machte das EEG? Das Gesetz sah vor, dass erneuerbare Energiesysteme vorrangig angeschlossen werden. Und ja, in der früher Zeit des EEGs wurden Anlagen mit sehr hohen Einspeisevergütung entlohnt. Diese hohen Vergütungen waren notwendig, um die damals noch sehr teure Solarenergie marktfähig zu machen. 

In der Folge wurde Deutschland weltweit Marktführer im Bereich PV und auch in der Windbranche. Die Preise sanken rapide, bis heute. 

Das Modell war so erfolgreich, dass die Ansätze des EEGs ganz oder in Teilen übernommen und weitergeführt wurden. In Kalifornien, in China und etwas später Indien und heute auch Pakistan. Die Grundlogik des Vorzugs für erneuerbare Energien wurde übernommen und ein Markt geschaffen, der fossile Energieträger unattraktiv macht.

Der lange Arm der fossilen Industrien

Der Erfolg der erneuerbare Energien passte jedoch einigen Lobbygruppen des Gestern nicht. Denn dadurch wurden die Gewinne der fossilen Industrien geschmältert.

So kam es ab 2011 wiederkehred zu kurzfristigen massiven Veränderungen der EEG-Rahmenbedingungen in Deutschland. Von wegen Planungssicherheit und Bestandsschutz. Aufgrund der Kurzfristigkeit der Änderungen folgten politisch induzierte Markteinbrüche. Geplante Projekte konnten aufgrund der Unsicherheit nicht mehr finanziert und realisiert werden und hunderttausende zukunftsfähige Arbeitsplätze wurden ausradiert.

Die Folge war eine Verlagerung und Abwanderung einer zukunftsfähige Branche wie Solar und Wind sowie Speichertechnologie nach Ostasien.

Mobilitätswende überall - nur nicht hier

In der Automobilbranche widerholt sich das gleiche Drama. Ähnlich zu den fossilen Konzernen, haben die deutschen OEMs aufgrund von Ignoranz und Überheblichkeit ihre eigene Transformation zur Elektrifizierung verschlafen. Statt die Veränderung mit entsprechendem (finanziellen) Einsatz zu gestalten und die Technologieherrschaft zu behalten, wurden Herrscharen an Lobbyisten nach Berlin und Brüssel entsandt.

Daraus entstanden skurrile Ideen, wie das „Aus vom Verbrenner-Aus“, welches es nie gegeben hat. Zum angeblichen Verbrenner-Aus habe ich schon Ende 2023 im RestartThinking Blog geschrieben: 

Es gibt auf EU-Ebene keine Initiative, die Verbrenner verbieten will, sondern nur die Neuzulassung von Antrieben, die Treibhausgase emittieren und dafür gibt es gute Gründe. Damit ist auch die ständig widerholte Behauptung falsch, man hätte sich einseitig auf die Elektromobilität festgelegt. Eine technische Lösung wird von der Gesetzgebung gar nicht vorgegeben. Sollte irgendjemand eine wettbewerbsfähige Lösung entwickeln, die durch Verbrennung einen Antrieb erzeugt und bei dem keine Treibhausgase emittiert werden, ist das auch künftig eine Option.“

Und was war das Ergebnis? Dass China heute den weltweiten Markt mit bezahlbaren Elektroautos dominiert. Die Chinesen haben die strategischen Schwächen der europäischen OEMs analysiert, die Branche gezielt gestützt und die eigene Nachfrage forciert. Das Argument, dass China marktverzerrend eingreift, ist bei Milliardensubventionen für Dieselprivileg, Dienstwagenregelungen, Abwrackprämie oder Tankrabatt in Europa nicht glaubwürdig. 

Die Klimatransformation passiert

Wir sehen also, dass weltweit die Transformation der Wirtschaft vorangeht. Weltweit prosperieren GreenTech Branchen und der größte Teil der Investitionen im Energiesektor läuft seit einigen Jahren in den Bereich der erneuerbaren Energien, der Elektrifizierung, der Effizienzoptimierung sowie in die Speichertechnologien.

Ehemalige Entwicklungsländer fangen an zu prosperieren, indem sie die Fehler, die wir gemacht haben, nicht wiederholen. Hier sind insbesondere Länder in Zentral Afrika zu nennen, die es nicht nötig haben, unnötige Verbrennungsprozesse aufzubauen und stattdessen direkt auf Elektrifizierung setzen.

In Indien entstehen derzeit mitten in der Wüste die größten Solar- und Windkraftwerke der Welt und Verbrennungantriebe werden aus größeren Städten verbannt.

Speed kills

Deutschland war mal führend in der Klimatransformation. Heute ist es China, denn es gibt dort strategische Überlegungen, Pläne und den Willen es auszuprobieren. Während wir noch überlegen, wird es dort und anderswo gemacht. Speed kills.

Ich bin kein Verfechter des chinesischen Systems. Was ich schon sehe, ist die Bereitschaft von Neuem zu profitieren und strategische Chancen zu nutzen. In Deutschland und Österreich weint man stattdessen vergangenen Zeiten nach, Kanzler sprechen von Verbrenner-Kultur und toxische Lobbyorganisationen bekommen bei ihnen viel häufiger Termine als Umwelt-NGOs oder Vertreter:innen der erneuerbaren Energien. 

Ja, auch bei uns ist einiges passiert. Wir sind keineswegs zu schnell, sondern zu langsam. Wir als Volkswirtschaften in Mitteleuropa müssen dringend aufholen und können es uns nicht leisten, noch länger auf der Bremse zu stehen. 

Es gibt viel zu gewinnen:

  • Die Energiewende ermöglicht erstmals die Versorgung mit erneuerbaren Energien, die nicht ständig beschafft und durch die Straße von Hormous müssen. 
  • Die Eigenversorgung stabilisiert Preise und wirkt der oft fossil getriebenen Inflation gegen.
  • Die Wertschöpfung bleibt im Land und gleichzeitig werden lokale Arbeitsplätze geschaffen.
  • Das Land oder die Region wird wirtschaftlich interessant, da sich Betriebe dort ansiedeln, wo die Energiekosten stabil sind. 
  • Wir haben längst alle nötigen Lösungen, wir können sie auch anwenden.

Die Physik verhandelt nicht

Weder die Regeln der Physik noch der weltweite Wettbewerb warten auf uns. Die Klimakrise ist längst da und das Einhalten der Klimaziele ist eine dringende Voraussetzung, um wirtschaftlich zu prosperieren und um sich als Gesellschaft weiter zu entwickeln.

Bis heute glauben einige Leute, es gäbe einen Gegensatz zwischen Klimatransformation und Prosperität. Doch genau das Gegenteil trifft zu:

Wer die Klimaziele ignoriert und die physikalischen eindeutigen Erkenntnisse nicht in Handlung übersetzt und eine neue enkeltaugliche Wirtschaft für das 21. Jahrhundert baut, kann auch wirtschaftlich nicht prosperieren und vernichtet am Ende unseren Wohlstand.

Wie können Sie die Klimatransformation im eigenen Unternehmen umsetzen?

Hand aufs Herz: Wie gut ist die Datenbasis für Energie, Wärme, Mobilität, Ressourcen und Treibhausgasemissionen? Sind alle Daten und Potentiale bekannt? Wenn nicht, liegt hier schon mal der erste Startpunkt. Wenn die Eingangsgrößen bekannt sind, geht es an die Potentialermittlung. Welche Möglichkeiten stehen vor Ort und im Umkreis zur Verfügung, was ist im Firmenverbund möglich?

Und sind die Ideen im Jetzt gedacht oder weiter in die Zukunft? Von Eigenversorgung über Einkaufsgemeinschaften bis hin zu maßgeschneiderten Stromeinkaufsverträgen (PPAs), es gibt viele Möglichkeiten. Die Energiewende ist vielfältig.

Genauso ist es in der Mobilitätswende und bei der Kreislaufwirtschaft. Gehen wir unternehmerisch voran, denn die Zeiten sind gut und die Konkurrenz schläft nicht. Wenn Sie Fragen zu Ihrer Klimatransformation haben, kontaktieren Sie uns gerne. 

Der Autor:

Dr. Mario Buchinger

Transformationsexperte, Physiker, Autor, Musiker

Wir von RestartThinking sind spezialisiert auf Strategie-, Prozess- und Klimatransformation. Mit mehr als 20 Jahren internationaler Erfahrung im Bereich Prozessverbesserung, Strategieentwicklung und Umsetzung bringen wir gemeinsam mit Mitarbeitenden und Führungskräften die Organisation nach vorne und machen sie fit für die Zukunft.