
In neoliberalen, rechten und in Teilen der konservativer Kreise wird in diesen Tagen das Märchen verbreitet, die Klimaforschung sei am Ende und man hätte seit Jahren nur aufgrund falscher Panik die Wirtschaft vor die Wand gefahren. Doch diese Aussage ist falsch. Lesen Sie im RestartThinking Blog eine Einordnung der aktuellen Diskussionen um das Klimaszenario RCP8.5 durch Physiker Dr. Mario Buchinger.
Wissenschaft lebt davon, neue Erkenntnisse in bestehende Modelle einzuarbeiten und so besser zu werden. Auch die Klimaforschung unterliegt einer kontinuierlichen Weiterentwicklung. So wird gerade die nächste Generation von internationalen Klimamodellen entwickelt, die voraussichtlich die Grundlage für den nächsten Sachstandsbericht AR7 des IPCC sein wird, nämlich das CMIP7.
In diesem Rahmen arbeiten Wissenschaftler:innen neue Erkenntnisse ein und passen bisherige Projektionen an. In einer Publikation von Van Vuuren et. al. im Geoscientific Model Development vom April 2026 beschreiben die Autor:innen, dass das im IPCC AR5 beschriebene worst-case Szenario RCP8.5 als sehr unwahrscheinlich anzunehmen ist.
„RCP“ steht hier für „Representative Concentration Pathways“ und 8.5 für den im jeweiligen Szenario angenommenen Strahlungsantrieb. Das RCP-Modell ist eine Vorgängerversion der internationalen Klimamodellierung.
Die Verläufe der jährlichen Emissionen und projezierten globalen Temperaturanstiege aus Van Vuuren et. al., 2026. Das rote Bereich entspricht dem alten RCP8.5 Szenario.
Dieses RCP8.5 Modell, das bei Van Vuuren et. al. als „H“ für „high emission“ gekennzeichnet ist, geht davon aus, dass die Treibhausgasemissionen weiter so stark ansteigen, wie es in den Jahrzehnten davor war – ohne irgendeine relevante Reduktion und bei weiter steigendem Wirtschaftswachstum. Das wäre ein durchaus realistisches Szenario, wenn auch ein sehr extremes.
Dieses „H“ Szenario ist nun laut den Autor:innen von Van Vuuren et.al. fast ausgeschlossen, weil in den letzten 15 Jahren massiv erneuerbare Energie ausgebaut und damit Treibhausgasemissionen reduziert wurden. Zudem gibt es noch weitere Szenarien wie „M“, „ML“ oder „L“. Wir befinden uns aktuell auf einem „M“ Pfad, was für „medium emissions“ steht.
Die Autor:innen stellen dabei klar fest, dass das nach wie vor ein Problem ist und wir auf eine +3 Grad Welt zusteuern und die +1,5 Grad Welt bereits heute erreicht ist. Und schon heute nehmen Schäden immer weiter zu und die Folgen der Klimakrise sind weltweit, auch in den die globale Erwärmung primär anrichtenden Industrieländern, spürbar.
Eine im Durchschnitt um +3 Grad heißere Welt bedeutet u.a. häufigere und stärkere Wetterextreme, eine Verschiebung von bisher als „normal“ angenommenen Bedingungen z.B. Dürren statt Niederschlag und das schnellere Erreichen von Kipppunkten, welche die Entwicklung zusätzlich beschleunigen. All das zieht massive gesellschaftliche und wirtschaftliche Schäden nach sich.
Die Autor:innen von Van Vuuren et al. stellen drei wesentliche Punkte fest:
Die Publikation von van Vuuren et al. war eine wissenschaftlich korrekte Keimzelle von dem Wahnsinn, der danach kam. Ein US-Amerikanischer „Klimaskeptiker“ namens Roger Pielke Jr. veröffentlicht auf Substack einen Beitrag mit dem Titel „RCP8.5 is officially dead“. Allein der Titel ist eine Falschaussage. Das American Enterprise Institute AEI, das im wesentlichen von der Fossil-Lobby finanziert wird und seit Jahrzehnten die Klimakrise leugnet, greift diese Desinformation dankbar auf.
Und nun wurde auch die Fossilisten- und Schwurbel-Community in Deutschland aktiv. Der „Pseudo-Wissenschaftsjournalist“ Axel Bojanowski behauptet im Springer-Medium WELT, die Klimaforscher hätten ihr dramatischtes Szenario plötzlich abgeschafft. Doch niemand hat ein Szenario abgeschafft, es wurde vielmehr bestätigt. Es ist nur weniger wahrscheinlich.
In der Folge stürzten sich zahlreiche weitere Desinformationsverbreiter auf das Thema. Dazu zählt u.a. das rechtsdrehende Krawall-Portal Nius, die nach Russland bestens vernetzte Berliner Zeitung sowie zahlreiche Schwurbler auf YouTube.
Und die ehemalige Familienministerin und Mitgründerin des CDU-nahen und libertären „Think Tanks“ R21 Kristina Schröder will dann auch nochmal über die Klimaziele reden. Laut ihrer Ansicht, weil Deutschland angeblich aufgrund eines „Klima-Horroszenarios“, das Wissenschaftler nun „enttarnt“ hätten, in die Deindustrialisierung ginge.
Man sollte nicht mit Leuten über Klimaziele reden, die diese nicht verstanden haben. Das, was Frau Schröder hier als „Deindustrialisierung“ bezeichnet, sind tatsächlich die Lösungen, die das worst-case Szenarion unwahrscheinlich gemacht haben. Vernünftige Rahmenbedingungen und die Dekarbonisierung sind das was heute und auch in der Zukunft wirtschaftliche Prosperität garantiert.
An allen, wirklich allen, dieser Aussagen aus der Schwurbel-Community von Springer, NIUS, BZ und anderen Desinformationsverbreitern stimmt genau gar nichts. Es soll wieder mal ein Spin erzeugt werden, der dazu führen soll, alte Fehler der fossilen Industrien zu behalten und genau damit Wirtschaft und Gesellschaft weiter zu zerstören.
Die aktuellen, strukturellen Probleme in Europa sind da, das steht außer Zweifel. Jedoch sind genau die Leute, die ständig Wirtschaftskompetenz raushängen lassen und dabei gleichzeitig an alten, meist fossil getriebenen, und neolieberalen Modellen kleben, die wesentliche Ursache dafür. Und die meisten Menschen, die diesen Unsinn dann verbreiten, sind „nützliche Idioten“ einer kleinen Gruppe von Profitgier getriebenen Leuten, denen ihre kurzfristigen Profite wichtiger sind als ihre eigene Zukunft und die ihrer Kinder oder Enkel.
Obwohl besagte Lügner und Schwurbler das Gegenteil behaupten, muss man klar festhalten:
Es ist nicht schwer, diese Erkenntnisse sachlich richtig zu erfassen. Unter anderem der Blog cleanthinking.de hat das hier gut erklärt.
Jedoch geht es den Lügnern aus der Fossilisten-Szene nicht so sehr darum, dass die Leute wirklich jeden Schwachsinn, den die verbreiten, glauben. Es geht primär darum, möglichst viel Unruhe und Verwirrung zu stiften.
Der Autor:
Dr. Mario Buchinger
Transformationsexperte, Physiker, Autor, Musiker
Wir von RestartThinking sind spezialisiert auf Strategie-, Prozess- und Klimatransformation. Mit mehr als 20 Jahren internationaler Erfahrung im Bereich Prozessverbesserung, Strategieentwicklung und Umsetzung bringen wir gemeinsam mit Mitarbeitenden und Führungskräften die Organisation nach vorne und machen sie fit für die Zukunft.